Ode an FanFiction

Heute muss ich mal ein bisschen schwärmen. Und das hat ausnahmsweise gar nix mit meinen Büchern zu tun – mal von dem Grund abgesehen, weshalb ich ins Schwärmen gerate.

Es gibt Phasen, die jede Schriftstellerin kennt. Da geht gar nix – die Muse schweigt sich aus, die Kreativität ist ein ausgetrockneter Fluss, man hat ihn erwischt, den berühmt-berüchtigten Writer’s Block. Was tut man da? Nicht in Panik verfallen und es aussitzen. Zumindest funktioniert das bei mir am besten. Irgendwann melden sich die „Stimmen im Kopf“ garantiert zurück. Bei mir ist’s gerade mal wieder soweit: Zu viel ist im wahren Leben in den letzten Wochen
vorgefallen. Die Seele muss erst mal nachkommen und das verarbeiten, bevor sie wieder kreativ sein kann.

Wenn ich an einem Schreibprojekt arbeite (also eigentlich immer) lese ich nicht. Ich möchte nicht unbewusst von der Arbeit von Kolleginnen beeinflusst werden. In den wenigen Phasen, in denen mir meine Muse eine Zwangspause verordnet, lese ich dafür fast non-stop. Momentan nutze ich die freie Zeit, um so viel FanFiction zu inhalieren, wie in einem 24 Studen-Tag menschenmöglich ist. 😉

Ihr wisst ja, dass ich aus dem Fandom komme und bekennendes Geek Girl bin. In meinen Zwanzigern habe ich tonnenweise Fic geschrieben und Fanart gezeichnet – beste Zeit ever! Ich habe so viel übers Schreiben durch FanFic gelernt, denn nichts ist schwerer, als die Figuren von jemand anderem glaubhaft und authentisch zu schreiben. Ich bin i
mmer wieder fasziniert und begeistert, welche unglaublichen Talente es unter den FanFic AutorInnen gibt. Es gibt Fics, die haben Romanlänge – und sind um Welten besser, als so einiges an Verlagsliteratur. Außerdem wird Fan Fic fast ausschließlich von Frauen geschrieben und gelesen – es ist unser Weg, „fuck you“ zur männlich dominierten, heteronormativen Medienwelt zu sagen und unser eigenes Ding zu machen. Wir wissen, dass sich Steve Rogers und Bucky Barnes nie in einem Marvelfilm küssen werden. Wir erwarten das auch gar nicht, nicht ernsthaft. Dafür ist die Filmbranche immer noch viel zu rückständig und homophob. Aber das ist kein Grund, warum wir uns das nicht trotzdem vorstellen und genießen können, in allen Variationen, die uns dazu einfallen. Im Gegenteil – wir haben jedes Recht und allen Grund der Welt.

Die Welt der FanFic ist ein kreativer Spielplatz ohne Grenzen. Mpreg? Coffee Shop AU? Tentacle Fic? Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und das finde ich wunderbar. Auch das ganze Tagsystem, Spoiler- und Triggerwarnungen sind großartig. Ich kann daran schon bevor ich zu lesen beginne sehen, ob eine Geschichte mein Fall ist, oder ob sie Elemente enthält, die mich abstoßen oder mit denen ich nichts anfangen kann. Ich wünschte, so was würde es auf jedem Verlagsbuch geben. Tags wie: „Major Character Death“ oder „Explicit Sub/Dom“ oder „Rape Warning“. Dadurch würde sich mancher Fehlkauf vermeiden lassen.

Interessant ist, wie sich die Wahrnehmung von Fan Fic in den letzten 20 Jahren verändert hat. Ich fühl mich wie ein Dinosaurier, aber ich stamme aus ’ner Zeit, als FanFic immer einen Disclaimer haben musste, in dem stand: „I don’t own these characters and don’t make any money of this, please don’t sue“ oder etwas Ähnliches. Denn es gab damals ernsthaft Autoren und Filmfirmen, die Fans verklagen wollten, weil sie ihr Copyright verletzt haben. Harte Zeiten. Technisch gesehen waren sie im Recht – jede FanFic verletzt ein Copyright. Aaaber: FanFic ist kostenlos, niemand verdient daran. Und niemand verdient an seinem Originalwerk weniger, weil es FanFic gibt. Eher das Gegenteil, denn im Grunde ist FanFic gratis Werbung. Es gibt Leute wie Anne Rice, die sich darüber aufregen, dass jemand anderes ihre Figuren schreibt. Mein Standpunkt dazu: Was könnte schmeichelhafter sein, als jemanden mit der eigenen Schreibe zu inspirieren, selbst zu schreiben? Als ich Triangle veröffentlichte, gab es Leute, die FanFic über James und Rizzo geschrieben haben. Das war so ziemlich das Tollste, was mir je passiert ist. Eine davon hab ich übrigens noch hier gefunden, „Red“ von astaria51. Irre, oder?

In den Anfängen musste man bei allem, was Gay war übrigens auch ein striktes „Ab 18“-Rating verwenden, um die Fic auf den damals gängigen Portalen (ff.net, Livejournal) überhaupt posten zu dürfen – auch wenn in der Geschichte nicht mehr passierte als Händchenhalten. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert – eines Tages taten sich die Fans zusammen, kauften sich Server, und öffneten ein eigenes, umfassendes Archiv für FanFic, auf dem jeder posten konnte, was er wollte: archiveofourown.org
Für mich persönlich kam das leider zu spät – zu der Zeit schrieb ich schon keine Fic mehr, sondern konzentrierte mich wieder auf eigene Storys. Aber ich bin überglücklich, dass es das Ao3 gibt, denn dort findet man zu jedem Pairing und jedem Fandom garantiert die passende Fic.

Jetzt habe ich lange genug gewafelt und alte Geschichten aufgewärmt. 😉 Zum Abschluss daher noch einige Fic Recs, die zu meinen absoluten Lieblingen gehören:

Falls ihr mal reinlest – viel Spaß und genießt die wunderbare Vielfalt des Fandoms!

Alles Liebe,
Susann

PS: Ich liebe FanFiction! ♥
PPS: Hier noch ein toller Artikel darüber, weshalb Fan Fiction so einen schlechten Ruf hat: Why we’re terrified of Fan Fiction

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