LBM 2018 – Leben mit Hochfunktionaler Depression

Ihr Lieben,

eigentlich sollte das hier mein jährlicher Bericht über die Leipziger Buchmesse werden. Wird es auch irgendwie. Aber das wird diesmal nur Randthema sein. Denn so schön die 3 Messetage für mich waren (und das waren sie wirklich, zweifelt auf keinen Fall daran!), so deutlich haben sie mir auch wieder mal vor Augen geführt, dass ich nicht gesund bin.

Ich bin manisch-depressiv. Man nennt das im Fachjargon „bipolar“, aber ich finde „manisch-depressiv“ treffender, denn genau das ist es. Leben mit Manie und Depression. Viele von euch wissen um meine Krankheit, denn ich gehe seit einer Weile hier auf dem Blog offen damit um. Und in Vielleicht für immer habe ich euch einen Einblick gewährt, was es heißt, damit zu leben.

Aber gerade dieses „offen damit umgehen“ ist für mich so unglaublich schwer, dass ich mich regelrecht dazu zwingen muss. Denn ich bin auch das, was man als „high functioning bipolar“ bezeichnet, also jemand, der es schafft, mit seiner Krankheit zu leben, ohne, dass sein Umfeld etwas davon mitbekommt.

Für Außenstehende kriege ich mein Leben prima auf die Reihe. Ich habe einen Job, ich habe gerade ein erfolgreiches Buch veröffentlicht. Wer mich besucht, findet ein ordentliches, liebevoll gestaltetes Zuhause vor. Und eine glückliche Katze. Ich zeige nicht, wie es in mir drin aussieht, darin bin ich echte Meisterin. Niemand, dem ich es nicht erzähle, weiß, dass ich seit letztem Sommer wieder in einer nicht enden wollenden Depression stecke, die mich innerlich zerfleischt. Einen Artikel über High Functioning Depression findet ihr hier.

Ich stehe morgens pünktlich auf, ich gehe zur Arbeit, ich scherze mit Kollegen, ich komme abends heim – und klappe zusammen. Weil jeder Schritt, jeder Atemzug, jedes Gespräch mich unglaublich Kraft gekostet hat, denn die Depression entzieht mir alle Energie.

Das heißt nicht, dass ich euch etwas vorspiele! Oh Gott, nein. Wenn ihr mich lachen seht, dann bin ich wirklich amüsiert. Ich habe auch während der Depression Glücksmomente. Aber das heißt nicht, dass ich nicht um mein Leben kämpfe. Jeden Tag. Denn an manchen Tagen weiß ich nicht, woher ich die Kraft nehmen soll, weiterzumachen. Wofür ich leben soll. Wie ich das weiter ertragen soll, denn Depression ist Schmerz, Schmerz, Schmerz. Leere und Dunkelheit.

Warum kann ich das nicht zeigen? Warum bekommen selbst die Menschen, die mir am nächsten stehen, davon nur dann etwas mit, wenn ich sie einweihe?

Gewohnheit. Ich bin in einer Situation aufgewachsen, mit der meine Mutter völlig überfordert war. Schon als ich ganz klein war, war ich die Trösterin, die Stütze, das Kind, das funktioniert. Das brav ist, nicht, weil das in seiner Natur liegt, sondern, weil es Rücksicht nimmt und die Mutter nicht noch mehr überfordern will. Das steckt so tief in mir drin, das ist praktisch Teil meiner DNA.

Zuzugeben, dass es mir nicht gut geht, nein, dass es mir hundselend geht, das schaffe ich nicht. Denn dann würde ich zusammenbrechen, und das kann ich mir nicht leisten. Ich bin Alleinverdienerin. Ich bin Single. Ich habe keine Wahl, als zu funktionieren. Also funktioniere ich. Bis zu dem Punkt, an dem gar nichts mehr geht. Das bedeutet Leben mit hochfunktionaler Depression.

Aber… ich will versuchen, es vielleicht weniger zu verstecken. Auch mal zu sagen: Geht heute nicht. Schaffe ich nicht. Ist mir zu viel. Und vielleicht auch mehr darüber zu erzählen hier im Blog. Denn vielleicht ist da draußen jemand, dem es genauso geht und dem es hilft, damit nicht alleine zu sein. Und vielleicht ist es auch wichtig, darüber aufzuklären, dass es High Functioning Depression gibt.

Und jetzt habe ich noch ein paar Fotos von der LBM für euch. Denn ja, ich hatte Spaß. Und ja, es war wunderbar, euch zu treffen! Ich habe mich aufrichtig gefreut und es hat mir gut getan. Ich danke euch allen herzlich für liebe Gespräche, fantastische Mitbringsel und jede Menge dicke Umarmungen.
Ich wünschte, das schöne Gefühl hätte ich einpacken und mitnehmen können. Stattdessen hat mich heute, wo keine Ablenkung da ist, die Depression im Würgegriff, die Welt ist stockdunkel und ich bin erledigt, als wäre ich Marathon gelaufen.

Nein, es geht mir nicht gut. Und wow, ich habe es geschafft, das zu sagen.

LBM 2018

Die große Halle

Hingucker auf der Manga-Comic-Con

Ein paar meiner lieben Mitschwestern vom Nornennetz am Stand unseres Netzwerks

Meine Buchbabys am Cursed-Stand

Mit Bianca Nias und unserem „Werwolf“, der auf der Messe schon Samstag ausverkauft war

Leipzig im Schnee. Geräumt wurde leider nicht…

Auszeit beim Besuch im wunderschönen Alten Rathaus. Das Museum zur Stadtgeschichte ist absolut sehenswert!

Cooles Türportal im Rathaus

Kunstdrucke auf der LBM

Moment, das ist doch Star-Lord!

Die tollen Gewinnboxen beim Nornennetz

Signieren beim Cursed Verlag

Und nächstes Jahr? Ich kann echt noch nicht sagen, ob ich wieder eine Buchmesse packe. Vielleicht schaffe ich es bis dahin besser, selbst zu sehen, wenn mir etwas zu viel wird und ich lieber zuhause bleibe. Es wäre aber so schade. Denn vermissen würde ich euch auf alle Fälle! Und das sogar sehr! Wir werden sehen, was möglich ist…

Alles Liebe,
Susann

5 Replies to “LBM 2018 – Leben mit Hochfunktionaler Depression”

  1. Paula sagt:

    Dein Artikel macht mich sehr betroffen. Du hast meinen allergrößten Respekt, vor dem, was du täglich leistest, wenn du es schaffst, mit diesem schweren Paket dein Leben zu gestalten. Was das bedeutet, kann man nur ahnen.
    Liebe Grüße
    Paula

  2. EvaSeith sagt:

    Liebe Susann, danke für deine Offenheit und dein Vertrauen. Ich habe dich auf der LBM nach 3 Jahren endlich persönlich kennen gelernt, wenn leider auch viel zu kurz. Doch auch in der Kürze habe ich feststellen können, dass du genau der wunderbare, verlässliche, ehrliche, kreative und kostbare Mensch bist, den ich von Anfang an in dir gespürt habe. Gib nicht auf. Ich weiß, wie hart es ist, immer alleine zu kämpfen. Sieh nur, was du alles geschafft und geschaffen hast! Nur wo viel Licht ist, entsteht auch Schatten!

  3. Bri Melchers sagt:

    Hallo Susann,
    danke für deinen Mut. Wie schon erwähnt, hatte ich eine sehr gute Freundin, die ich 2006 an diese Krankheit „verloren“ habe. Auch sie hat meist eine Maske getragen. Kurz davor sagte sie mir: „Ich bin immer ‚der Clown‘, aber wie es in mir drin aussieht, weiß niemand.“ Es ist auch für Freunde und Familie sehr schwer, mit der Krankheit klarzukommen. Denn ich fühlte mich immer machtlos und hilflos, weil ich ihr einfach nicht helfen konnte. In meinem Freundes- bzw. Bekanntenkreis kenne ich noch mehr mit dieser Krankheit. Es scheint mir manchmal so, als würden immer mehr Menschen darunter leiden. Aber ich glaube, dass nur mehr dazu stehen. Die Dunkelziffer ist sicher noch hoch genug.
    Ich hoffe so sehr, dass du dagegen ankämpfen kannst. Ich weiß, dass es sehr schwer ist, jeden Tag den Kampf neu aufzunehmen. Es muss dich unglaublich viel Kraft kosten. Ich wünschte, es gäbe etwas, das dir dabei helfen könnte.
    Mein Herz ist bei dir. <3
    Liebe Grüße
    Brigitte

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