6 Dinge, die man von Fan Fiction lernen kann

Fan Fiction spaltet ziemlich die Geister. Für viele sind von Fans verfasste Stories das Allergrößte, für andere totaler Bockmist. Klar sind viele faule Äpfel darunter, aber es gibt auch fantastische Stories, die einen beim Lesen tief berühren und manchmal richtig umhauen. Ich kenne eine Menge toller AutorInnen, die mit Fan Fic angefangen haben und mittlerweile erfolgreich ihre eigenen Werke veröffentlichen. Auch bei mir war das so. Ich selbst komme ja aus der guten alten Fan Fic-Schule. Zwar habe ich schon als Kind eigene Geschichten geschrieben, aber trotzdem sehe ich meine schriftstellerischen Wurzeln in der Fan Fic, und heute will ich euch mal erzählen, warum das so ist. Immerhin bin ich durch Slash (Fan Fic mit schwulen Liebesgeschichten) überhaupt erst zum Gay Romance-Schreiben gekommen. In der langen Zeit, in der ich Fan Fic in allen möglichen Fandoms geschrieben habe, habe ich unheimlich viel übers Schreiben gelernt, ohne, dass es mir bewusst war. Erst im Nachhinein zeigt es sich, und das will ich euch nicht vorenthalten.

6 Dinge, die man durchs Schreiben von Fan Fic lernen kann:

1. Charakterisierung.
Wer gute Fan Fic schreiben will, muss lernen, sich völlig in die Figuren hineinzuversetzen und sie möglichst exakt so handeln zu lassen, wie der Schöpfer der Serie/des Films/des Buchs sie darstellt. Ansonsten schreien die Leser schnell „OOC!“ (out of character). Denn das ist ja der Witz daran – eine fremde Figur realistisch zu schreiben. Gar nicht so leicht, wie man denken sollte. Man muss ihre übliche Sprechweise berücksichtigen, ihre Charakterzüge, und sich immer wieder fragen: Wie würde er/sie/es in dieser Situation reagieren?

2. Kritikfähigkeit.
Nirgendwo bekommt man so flott und so direkt Antwort von seinen Lesern, wie bei Fan Fic. Gerade in großen Fandoms kannst du binnen weniger Tage eine riesige Zahl an Lesern finden. Und manchmal kommt auch Kritik, die sehr hilfreich sein kann. Am Ende lernt man am meisten, wenn man über seinen Schatten springt und zuhört. Nicht jede Kritik mag berechtigt sein, wird sie aber von mehreren Leuten geäußert, kann ich nur empfehlen: unbedingt darüber nachdenken. Ich habe dadurch wirklich viel gelernt!

3. World Building.
Wer Fan Fic schreibt, beschäftigt sich intensiv mit der Welt, in der sie spielt. Dadurch kann man viel über den Aufbau einer solchen fiktiven Welt erfahren. Was macht sie so besonders? Welchen Regeln unterliegt sie? Das Schöne daran: es fühlt sich nicht wie Lernen an. Es macht einfach nur Spaß. 🙂

4. Spannungsbogen und Handlung.
Fan Fic lässt sich ziemlich schnell schreiben, wenn man sich für ein Fandom begeistert. Man muss ja nichts neu erschaffen, alles ist schon da. So kann man in kurzer Zeit viele Geschichten schreiben, und je mehr man schreibt, desto mehr lernt man übers Schreiben. Welche Story kam gut an und wieso? Wo habe ich Leser verloren, wo dazugewonnen? Woran lag das? Wer das für sich analysiert, kann unheimlich viel über Handlungsaufbau von kurzen und längeren Geschichten lernen. Oder auch, wie man echt gute Erotik schreibt. Auch da gibt’s einen Spannungsbogen, und die Leser lassen einen deutlich wissen, was sie heiß fanden – oder nicht. 😉

5. Von den Besten lernen.
Jedes Fandom hat seine eigenen Fan Fiction Stars, sogenannte „Big Name Authors“ mit riesiger Leserschaft. Deren Stories sind natürlich kostenlos verfügbar. Jeder, der schreibt, profitiert vom Lesen beliebter Autoren. Was machen die besser als ich? Was für Feedback bekommen die? Kann ich mir etwas abschauen, ohne sie zu kopieren? Und wenn das Fandom auf einem Buch basiert, noch besser. Was macht diesen Autor so erfolgreich? Was finde ich selbst so toll an der Geschichte, und wie kann ich das für mich nutzbar machen?

6. Die eigene Stimme finden.
Einen eigenen Stil entwickeln kann man am besten, indem man möglichst viel schreibt. Bei Fan Fic kann man unheimlich viel ausprobieren, es ist eine riesige Spielwiese mit unendlich vielen Möglichkeiten. Selbst, wenn das Fandom Sci-Fi ist, kannst du die Figuren in eine Märchenwelt verpflanzen und so das Genre Fantasy ausprobieren, oder mal einen Thriller. Anything goes! Der eigene Stil entwickelt sich mit der Zeit von ganz alleine, also keine Angst davor, durchaus mal im Stil des Lieblingsautors zu schreiben, um das auszuprobieren. So erkennt man am leichtesten, was einem selber liegt.

Klar, natürlich garantiert Fan Fic-Schreiben nicht, dass man danach auch als Schriftsteller Erfolg hat. Aber es ist eine gute und kostenlose Möglichkeit, unheimlich viel übers Schreiben und Charakterisierung zu lernen. Runde, echte Figuren, davon lebt letztlich ein Buch. Eine Grundvoraussetzung dafür ist gutes Einfühlungsvermögen, und das kann man durch Übung schärfen. Übrigens dafür auch sehr zu empfehlen: Role Playing Games.

Bleibt noch ein letzter, wichtiger Punkt, nämlich die Frage: Darf ich das überhaupt? Ist Fan Fiction legal?
Jein. Fan Fiction gibt es in der einen oder anderen Form vermutlich schon seit dem Gilgamesch-Epos und sie gehört einfach zur Fankultur. Meist wird Fan Fiction geduldet, aber sie bewegt sich durchaus an der Grenze der Legalität, denn streng genommen arbeitet man mit Figuren, an denen ein anderer die Rechte besitzt. Wichtig ist, dass man immer auf die Urheberrechte des Originals hinweist und mit Fan Fiction kein Geld macht, sie also nicht als eBook verkauft oder Ähnliches. Und mal unter uns: Fan Fic nimmt niemandem etwas weg. Im Grunde ist sie kostenlose Werbung, und so langsam schnallen das auch immer mehr Urheber. Ich sehe das genauso – mit meinen Figuren darf jeder unter den obigen Voraussetzungen sehr gerne spielen. 😉

Wer neugierig geworden ist, der findet ganz viel Fan Fic zum Lesen hier:

fanfiktion.de
archiveofourown.org

Alles Liebe,
Susann

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